Berta

 

                                     

                                    Geschrieben am 20.02.2003 Diese Geschichte unterliegt dem Copyright von Danielle G.P.

 

Es war an einem bitterkalten Wintertag, als Berta das Licht der Welt erblickte.

Durch die frostige Dachluke, schimmerte eine weiße Masse, die sich wie ein riesiger Teppich, über den schräg herabfallenden Giebel, ergoss. Gewaltige, durchsichtig schillernde Spitzen, säumten den eisernen Fensterrahmen, genau über ihr! Unaufhörlich schlugen Perlendicke Tropfen, neben ihr zu Boden, während ihr kleiner zierlicher Körper, wie wild hin und herlief!

Plopf! Plopf! Plopf! Zisch!

Ein Blubbern und Zischen, bevor die kristallklaren Dornen, erneut drohten, sie mit einem einzigen Schlag, zu zerschmettern.

Hastig, verflüchtete Berta sich, in die hinterste Ecke, dieser modrig riechenden Räumlichkeit und atmete einige Male tief durch. Ihr kleines Herz sprang wie verrückt, während sie sich wie ein Wollknäuel, in den winzigsten Winkel zusammenrollte!

Sie konnte nicht wissen, dass dieses erst der Anfang, von unzähligen Tücken, in ihrem zarten, zerbrechlichen Leben war.

" Kindchen, was machst du denn hier? Du zitterst ja am ganzen Körper! "

Immer noch vor sich herbibbernd, spähte eines ihrer Augen, durch die ineinander verhakten Beinchen! Sie wollte schreien, doch musste sie feststellen, dass nur ein zaghaftes Piepsen, ihrem Mund entwich!

Der Anblick, der sich ihr nun bot, war noch entsetzlicher, als diese wasserspeienden, messerscharfen Nadeln! Vor ihr tänzelte eine haarige Gestalt in der Luft, deren Körper, wie es schien, nur aus Augen bestand! Völlig außer Kontrolle, schlug Berta einen zirkusreifen Purzelbaum und plumpste, mit einem dumpfen Schlag, zu Boden!

Unzählige, grässlich haarige Beine, bewegten sich gemächlich auf sie zu, während sie fieberhaft, nach dem nächsten Fluchtweg suchte!

" Aber was tust du denn nur? Du brichst dir noch den Hals! "

Vor Angst gelähmt, riss Berta die Augen auf, als sich nun, dieser braunschwarz pelziger Körper, über sie beugte! Ihre Beinchen fuchtelten wild in der Landschaft herum, doch ließ ihr, diese schreckenserregende Gestalt, keine Möglichkeit zu entkommen!

" Hab keine Furcht! Mami ist doch da! "

Allmählich dämmerte es Berta! Dieses haarige, pelzige hässliche Etwas, musste wohl oder übel ihre Mutter sein!

 

Fortan also, war sie dazu verdammt, in Tausenden von Nylonfäden zu wohnen, und wie ein Akrobat, in den Seilen zu hängen. Sie musste nur noch kapieren, wie sie das Gleichgewicht halten konnte, um nicht im Sturzflug, auf der Erde zu zerschlagen. Aber diese Ängste verflogen sehr schnell, weil ihr kleiner, leichter Körper, wie ein Federgewicht, von den immer neu gezogenen Fäden, ihrer Eltern getragen wurde, und ihre kleinen pelzigen Beinchen, sich wie Wiederhaken, darin festkrallten. Ganz langsam, wurde sie auf ihr Leben eines sehr nutzvollen, Geschöpfes vorbereitet. Sie verstand überhaupt nicht, weshalb Mami sich so sehr dagegen sträubte, Berta auf Erkundungsjagd gehen zu lassen! Man sperrte sie förmlich, in diesem Dachgebälk ein. Natürlich hatten sie viel Spaß, da neben ihrer Mutter und ihrem Vater, auch noch drei Brüder vorhanden waren, mit denen sie oft Verstecken spielte. Doch war sie als Jüngste, stets davon ausgeschlossen, wenn der Rest der Familie einen Ausflug unternahm. Berta amüsierte sich dann meistens damit, an ihrem selbstgesponnen Faden, vor dem Fenster, auf und ab zu hangeln!

Draußen, hatte sich seit ihrer Geburt, so vieles verändert! Der weiche Teppich, der einst den Blick nach außen versperrte, hatte sich quasi über Nacht, in Luft aufgelöst! Dafür breitete nun, ein mächtiger Baum sein frisches grünes Laub aus, dessen meterlange Arme, fast bis zur Dachrinne reichten! Ein willkommener kühler Schatten, wenn dieser riesige, gelb leuchtende Ball, der sie von den spitzen, scharfen Dornen, befreit hatte, mitunter grell und heiß, durch die Luke schien! Dann wurde Berta auch meist sehr warm ums Herz, und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich frei zu sein! Sie fieberte förmlich dem Augenblick entgegen, wenn die Familie zurückkehrte und ihre Brüder erneut, von all ihren Abenteuern berichteten!

Ach wie gerne, würde sie endlich all das, selbst erleben!

Die Jungs hatten immer soviel Spaß, besonders mit ihren Mitbewohnern!

Die Menschen, so nannte man die zweibeinigen Gestalten, die meist die übrigen Zimmer eines Hauses bewohnten, mussten wirklich ulkige Gesellen sein!

Drollige Kerlchen, wie ihre Brüder sie meist beschrieben, wobei die weiblichen Gegenstücke, bei ihrem Anblick, in reinste Ekstase gerieten, und stets schrill schreiend, durch die Gegend wuselten!

Während Berta still, in ihre Gedanken vertieft, am Rahmen baumelte, erklang plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm! Mit einem Ruck, knallte eine im Boden verankerte, eiserne Platte hoch und landete, in einer riesigen Staubwolke! Zu Tode erschreckt, stellten sich sämtliche Haare an ihrem Körper hoch! Wie wild, blinzelten ihre vier Paar Augen durch den Raum, doch alles was sie erkennen konnte, war nur dichter, grauer Nebel!

Nur sehr langsam, klärte sich die Sicht und was Berta nun zu sehen bekam, war das, wovon sie seit Monaten träumte!

Endlich! Endlich hatte sich ihr Wunsch erfüllt, ohne dass sie auch nur ein Beinchen, dafür bewegt hatte! Das war aber nett, dass man sie endlich hier auf dem Dachboden besuchte! Sicherlich steckte die Art und Weise, dieses unverhofften Besuches ihr noch immer in den Wirbeln, aber die Freude, sich endlich diesen zweibeinigen Wesen gegenüber zu wissen, machte alles wett! Vorsichtig, begann Berta sich an ihrem Faden, nach unten zu bewegen, krabbelte dann blitzschnell, über den mittleren Balken, und hing nun genau, über dem hellblonden Schopf, der sich freundlich lächelnd, über eine große Truhe beugte! Berta wagte sich behutsam immer weiter vor, bis sie endlich erwartungsvoll, in gleicher Augenhöhe mit ihrem Gegenüber, zu liebäugeln begann!

Zwei wunderschöne blaue Augen, schauten sie erst verwirrt, dann riesengroß und heftig blinzelnd an, bevor ein gellend, schriller Schrei, das alte Gebälk fast zum Vibrieren brachte!

Der Blondschopf sprang mit einem kräftigen Satz nach hinten!

" Ihhhhhhhh, eine Spinne! Mach doch was!" Wie das helle Aufheulen einer Sirene, klang dieses Ihhhhhh noch Sekunden nach, bis sich der Schall, durch die winzige Öffnung der Dachluke verflüchtigte!

" Tu endlich was! Mach sie kaputt! " Der Blondschopf flatterte so heftig mit den Armen, wie ein frisch geborener Vogel, der gerade aus dem Nest gefallen war!

Total verängstigt, baumelte Berta immer noch im Schein, des hereinfallenden Sonnenlichtes, während ihre Besucher, wie aufgescheute Hühner durch die Gegend liefen! Sie konnte erst gar nicht diese Aufregung verstehen, geschweige denn, diesen markerschütternden Schrei richtig deuten, bis sie nun erkennen musste, dass einer der Zweibeiner, mit einer Zeitung bewaffnet, auf sie zuhechtete! Ein eiskalter Zug umhüllte sie, als sie flugs dem Schlag, dieses vergilbten Papiers, entwich! Hastig rollte sie ihren Nylonfaden ein, und hievte sich, an den höchsten Punkt der Decke, wo sie nun zitternd und verzweifelt, kopfüber verweilte! Sie begriff nicht, was sie falsch gemacht hatte! Da bot sich endlich die Möglichkeit, sich ihren menschlichen Hausbewohnern vorzustellen und alles was denen einfiel war, ihr einen Haufen altes Papier um die Ohren zu hauen! Dieses Spiel machte ihr nun überhaupt keinen Spaß und war ganz bestimmt nicht, wovon Berta seit Monaten träumte! Ihr Köpfchen gegen das modrige Holz gestützt, kullerten Tränen der Enttäuschung, aus all ihren bekümmerten Augen, bis sie ein zärtliches Streicheln verspürte!

" Kleines, was hast du denn! " Behutsam wiegte ihr Mutter sie sanft, hin und her, indessen ihr fast das Herz brach, als Berta schluchzend, von ihrer ersten menschlichen Begegnung berichtete!

Was sollte sie ihrem Kind nun erzählen?

Wie scheußlich das Leben als Spinne war?

Dass es auf dieser weiten Welt, wohl kaum ein menschliches Wesen gab, das ihre Spezies nicht verachtete!

Dass ihr Anblick so entsetzlich und hässlich war, dass man sie am liebsten ausrotten würde? Nein!

Wie jede Mutter, ob zwei-, vier- oder achtbeinig, versuchte sie ihr Kind, solange es möglich war, von all diesen schrecklichen Erfahrungen, fernzuhalten!

Sie brachte es nicht übers Herz, in diese unschuldig, fragenden Augen zu blicken und ihrem Kind, das für sie das schönste Krabbeltier auf Erden war, mitzuteilen, dass sie zu den ekelerregendsten, hässlichsten Kreaturen gehörte!

" Ach Berta, kleine Berta! Weißt du, die Menschen sind nun mal drollige Gesellen!

Sie fliegen zum Mond! Erklimmen die steilsten Gipfel! Stürzen sich von den höchsten Brücken! Erfinden die grausamsten Waffen, mit denen sie die Welt in Schutt und Asche legen können, und geraten beim Anblick einer Spinne, in Angst und Schrecken! Ist das nicht komisch?? Da fürchten sie sich, vor solch winzigen Wesen, wo sie doch im Grunde, Tag ein Tag aus, einer Gefahr ausgesetzt sind, die mir, nur beim Gedanken ein Mensch zu sein, die Schweißperlen auf die Stirn treiben würden! Sie mögen größer, schöner und vielleicht sogar intelligenter sein, als wir, aber eines werden sie nie sein, nutzvoller! Denn solange die Menschheit nicht erkennt, wie wichtig jede Art des Lebens, für diesen Planeten ist, zerstört sie sich, Stunde um Stunde, nur selbst! Nun, mein Kind, jetzt sage mir, wer sich vor wem, mehr fürchten sollte? "

Berta schnäuzte sich, wischte ihre Tränen aus den Augenwinkeln und schaute ihre Mutter bekümmert an!

" Ach Mami, das ist doch schrecklich! Die Menschen müssen doch darüber sehr traurig sein!

 

" Nun ja, manche bestimmt! Aber solange nicht auch der Letzte einsieht, dass die Natur sehr wohl ohne Mensch, jedoch der Mensch nicht ohne Natur auskommt, werden wohl auch wir Spinnen sie nicht an ihrer Dummheit hindern! "

Bevor Berta fest an Mutti gekuschelt, erschöpft in einen tiefen Schlaf fiel, murmelte sie leise:

 " Arme Menschen! "

Ihre Mutter fuhr ihr sanft über den Kopf, gab ihr einen Gute Nachtkuss und flüsterte kaum hörbar:

 " Armes Spinnchen! "  

                                                                       



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